Stephansdom: Das Grabmal des Melchior Khlesl

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Stephansdom
Das Grabmal des Melchior Khlesl
Stephansdom: Das Grabmal des Melchior Khlesl
Das Khlesl-Epitaph in einem Stich von 1770
Historische Darstellung des Wiener Epitaphs

Das Grabmal des Kardinals Melchior Khlesl befand sich im Frauenchor des Stephansdoms. Genau genommen handelt es sich dabei um ein Epitaph, also ein monumentales Wandgrabmal mit Büste, Wappen und Inschrift. Von dem einst bedeutenden barocken Denkmal sind heute nur noch Teile erhalten.

Khlesl hatte kurz vor seinem Tod selbst verfügt, dass ihm sowohl in St. Stephan als auch im Dom von Wiener Neustadt je ein gleiches Epitaph errichtet werden solle. Während sein Körper in St. Stephan bestattet werden sollte, war für sein Herz ein Begräbnis vor dem Hochaltar in Wiener Neustadt vorgesehen. Das Wiener Denkmal wurde später mehrfach versetzt, im 19. Jahrhundert seines barocken Zierrats beraubt und 1945 schwer beschädigt. Heute sind an der Nordseite des Frauenchores nur noch Büste und Wappen in situ erhalten.

Datierung: nach 1630
Typ: Epitaph / Grabdenkmal
Lage: ursprünglich links vom Hauptaltar im Frauenchor, heute an der Nordseite des Frauenchores
Dargestellte: Kardinal Melchior Khlesl
Besonderheiten: zweites, fast gleiches Epitaph in Wiener Neustadt; wiederentdeckte Hauptinschrift; starke Verluste seit dem 19. Jahrhundert
Heutiger Zustand: Büste und Wappen erhalten, Hauptinschrift abgenommen und geborgen

Geschichte

Datei:Wiener Neustadt - Dom - Epitaph Melchior Khlesl.jpg
erhaltenes Epitaph in Wiener Neustadt

Kardinal Melchior Khlesl starb am 18. September 1630. Vier Tage zuvor hatte er in seinem Testament festgelegt, dass sein Körper in St. Stephan „neben seiner Frau Muetter bey Unser Fraun abseits“ bestattet werden solle und dass sowohl in Wien als auch in Wiener Neustadt ein gleiches Epitaph zu errichten sei. Sein Herz sollte in Wiener Neustadt vor dem Hochaltar beigesetzt werden.

Der Kardinal wurde hier einst gemeinsam mit seiner Mutter begraben. Sie wurden im 20. Jahrhundert voneinander getrennt und umgebettet, die Mutter liegt nun in der Unterkirche, der Kardinal in der Bischofsgruft.[1]

Das Wiener Denkmal wurde von Khlesls Nachfolger errichtet. Dass man sein ursprüngliches Aussehen heute überhaupt noch einigermaßen rekonstruieren kann, verdankt sich dem Umstand, dass das testamentarisch geforderte zweite Epitaph im Wiener Neustädter Dom bis heute erhalten ist.

Wenn auch beiden Denkmälern derselbe Grundplan zugrunde lag, gab es doch Unterschiede. Beim Wiener Epitaph befand sich das Wappen nicht ganz oben, sondern unterhalb der Büste und überdeckte teilweise das Gesims zwischen Schriftplatte und Giebel. Auch die Blickrichtung der Büste war anders: Da das Wiener Denkmal links vom Altar stand, musste der Kardinal, dem liturgischen Osten folgend, trotzdem nach Osten blicken.[2]

Standortgeschichte

Ursprünglich hing das Epitaph im Frauenchor an der Wand links vom Hauptaltar, also ungefähr im Bereich der Stufen zum Altarraum. Dort blieb es nur etwa 120 Jahre. Vermutlich im Zusammenhang mit der Errichtung des Grabmals von Kardinal Kollonitz wurde es in den 1750er Jahren in das westlichste Chorjoch versetzt. Nach der Chorrestaurierung im 19. Jahrhundert brachte man es zwar wieder an der Wand des Frauenchores an, beraubte es aber dem Geschmack der Zeit entsprechend seines barocken Zierrats.

Als in den 1860er Jahren unter Dombaumeister Leopold Ernst der Chor restauriert wurde, brachte man die Grabdenkmäler, die bei der Bearbeitung der Mauern störten, vorübergehend in die Katakomben. Nach Abschluss der Arbeiten wurde auch das Khlesl-Epitaph wieder im Frauenchor angebracht – allerdings stark verändert: Dem Geschmack des 19. Jahrhunderts folgend, entfernte man den barocken Zierrat. Übrig blieben nur mehr Büste, Wappen und Schrifttafeln.

Die Grabplatte Khlesls im Boden des Chores war bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig abgetreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie bei der Neupflasterung des Kirchenraums entfernt. Die sterblichen Überreste Khlesls wurden gehoben und in der 1952 fertiggestellten Bischofsgruft in den Katakomben beigesetzt.

Kriegsschäden und Wiederentdeckung

Beim Dombrand im April 1945 wurde das nördliche Chorschiff zwar weniger stark beschädigt als andere Teile des Doms, doch auch hier kam es zu erheblichen Verlusten. In unmittelbarer Nähe des Khlesl-Epitaphs verbrannten Gerüstteile und Beichtstühle; die starke Hitze setzte dem Stein des Denkmals massiv zu. Ein Foto der Dombauhütte unmittelbar nach dem Krieg zeigt den schlechten Zustand deutlich.

Lange galt das Epitaph deshalb als weitgehend verloren. Tatsächlich war aber die Hauptinschrift – im Gegensatz zur darunter angebrachten Stifterinschrift – nicht vollständig zerstört. Sie wurde wohl im Zuge der Wiederaufbauarbeiten abgenommen und in einer Gipswanne geborgen. Diese Gipswanne befand sich 2003 auf dem Dachboden des Stephansdoms.

Heute sind am ursprünglichen Denkmal nur noch Büste und Wappen an Ort und Stelle sichtbar. Gerade diese Verluste machen das Grabmal zu einem besonders sprechenden Beispiel dafür, wie sehr Barockausstattung, Restaurierungsideale des 19. Jahrhunderts und Kriegszerstörung das heutige Erscheinungsbild des Doms geprägt haben.

Inschrift

Die Hauptinschrift preist Khlesl ganz bewusst als große Persönlichkeit seiner Zeit. Sie nennt ihn Wiener und Wiener Neustädter Bischof, Kardinalpresbyter von Santa Maria della Pace, Direktor des Geheimen Rates Kaiser Matthias’, Verfolger der Irrlehren und Erneuerer der katholischen Religion in Wien. Auch seine Beredsamkeit, seine diplomatischen Gesandtschaften und seine politischen Leistungen werden hervorgehoben.

Auffällig ist, dass die Inschrift ganz auf Bitten um Fürsprache oder Gebete verzichtet. Der Artikel deutet das so, dass an Khlesls Seelenheil offenbar kein Zweifel bestand. Das Epitaph will den Verstorbenen nicht so sehr dem Gebet der Nachwelt empfehlen, sondern ihn der Nachwelt präsentieren.

Eine Übersetzung des Schlusses lautet sinngemäß:

Denkmal. Dem hervorragendsten und hochwürdigsten Fürsten und Herrn. Herrn Melchior Kardinalpresbyter der Titelkirche S. Maria della Pace Khlesl, Wiener und Neustädter Bischof, Direktor des Geheimen Rates des erhabensten Kaisers Matthias, dem Verfolger der Irrlehren, der Erneuerer der hier verfallenen katholischen Religion, dem von den höchsten Fürsten und dem römischen Kaiser wegen hervorragender Gaben des Verstandes und der Natur zu den höchsten Angelegenheiten Hinzugezogenen, dem in der christlichen Welt wegen der Beredsamkeit im Rat, bei Gesandtschaften und gewaltigen Werken Hochberühmten, der nach der Überwindung von Glück und Unglück nach 77 abgelaufenen Jahren des Lebens, 36 des Wiener Bischofsamtes, schon reif für den Himmel, sein Vermögen den ihm von Gott anvertrauten Kirchen, die Überreste seines Körpers freilich dem Tode gern überließ, er, der danach mit dem Ruhm seiner Verdienste bekleidet werden soll. Er wurde am 18. Tag des September 1630 hier bei dem Altar der seligen Jungfrau Maria beigesetzt.

Büste und künstlerische Fragen

Besonders interessant ist die Frage nach der Büste. Das Original der wohl von Khlesl selbst aus Rom mitgebrachten Marmorbüste befindet sich heute in Wiener Neustadt. Sie wird dort sogar mit der Werkstatt Lorenzo Berninis in Verbindung gebracht. Für die Wiener Fassung musste jedenfalls eine Kopie angefertigt werden.

Beim Material der Wiener Büste bestand Unsicherheit. Während ältere Literatur von Gips sprach, nennt der Geologe Alois Kieslinger weißen kristallinen Marmor, vermutlich aus Carrara. Ganz unabhängig von dieser Frage zeigt schon die Büste allein, welch hoher repräsentativer Anspruch mit dem Grabdenkmal verbunden war.

Interessantes

Melchior Khlesl wurde als Kind eines evangelischen Bäckers im Haus „Zum blauen Esel“ in der Kärntnerstraße geboren. Unter dem Einfluss des Jesuiten Georg Scherer trat er als Sechzehnjähriger zum katholischen Glauben über. 1616 wurde er als erster Wiener Bischof Kardinal. Sein Wahlspruch lautete „fortiter et suaviter“ – „in Strenge und Milde

Das Khlesl-Epitaph ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie ein Grabdenkmal im Lauf der Zeit sein Aussehen völlig verändern kann. Ursprünglich war es ein reich dekoriertes barockes Denkmal. Im 19. Jahrhundert reduzierte man es auf wenige Hauptstücke, und der Krieg des 20. Jahrhunderts zerstörte weitere Teile.

Zugleich ist das Epitaph ein Schlüsselobjekt für das Verständnis der Person Melchior Khlesls. Die Inschrift feiert ihn nicht nur als Kirchenmann, sondern ebenso als politischen Akteur, als Ratgeber des Kaisers und als entschiedenen Vertreter der Gegenreformation. Gerade diese Mischung aus Frömmigkeit, Macht und Selbstdarstellung macht das Denkmal so aufschlussreich.

Da Khlesl auch in Wiener Neustadt ein nahezu gleiches Epitaph erhielt, lässt sich das Wiener Monument zumindest teilweise über sein Schwesterdenkmal rekonstruieren. Das ist ein Glücksfall für die Forschung – und für alle, die sich heute im Stephansdom mit diesem fast verlorenen Grabmal beschäftigen.

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Quellen

  1. https://orf.at/stories/3160841/
  2. Dombau Wien: Der Dom, 2003, Ausgabe 1. S. 8